In Deutschland werden jedes Jahr hunderttausende Menschen über 60 in einen Pflegegrad eingestuft. Und die häufigste Ursache ist nicht Demenz, nicht ein Schlaganfall, nicht eine schwere Krankheit.
Es ist der Verlust der Mobilität.
Ein Knie, das nicht mehr funktioniert, nimmt Ihnen nicht alles auf einmal. Es nimmt Ihnen alles Stück für Stück. So leise, dass Sie es erst bemerken, wenn es zu spät ist.
Ich beschreibe Ihnen jetzt den Verlauf, den ich bei meinen Patienten immer wieder sehe. Vielleicht erkennen Sie sich in einer dieser Stufen wieder:
Die ersten Wochen: Der Schmerz kommt und geht. Sie nehmen eine Ibuprofen und denken: Wird schon wieder. Sie gehen noch einkaufen, aber Sie nehmen den Aufzug statt der Treppe. Kleine Anpassungen. Nichts Dramatisches.
Nach 2–3 Monaten: Der Morgenspaziergang zum Bäcker fällt weg. Nicht weil der Schmerz unerträglich ist – sondern weil Sie Angst haben, dass Ihr Knie auf dem unebenen Gehweg wegknickt. Sie bestellen mehr online. Sie sagen Verabredungen ab, weil „das Wetter nicht mitspielt." Aber eigentlich ist es das Knie.
Nach 6 Monaten: Ihr Bewegungsradius schrumpft auf Ihre Wohnung. Den Garten machen die Kinder. Die Enkel kommen zu Ihnen, statt dass Sie zu ihnen fahren. Sie merken, dass Sie seit Wochen nicht mehr aus dem Haus waren. Die Muskeln in Ihrem Bein bauen ab, weil Sie es schonen. Das macht das Knie noch instabiler.
Nach 12 Monaten: Ihr Knie blockiert ohne Vorwarnung. Sie stürzen – oder Sie haben so viel Angst vor einem Sturz, dass Sie sich kaum noch bewegen. Ihre Kinder führen Gespräche über Ihre Zukunft. Gespräche, bei denen Sie nicht dabei sind. Worte wie „Pflegedienst", „Pflegegrad", „ob Mama noch allein wohnen kann" fallen zum ersten Mal.
Nach 18 Monaten: Der MDK steht vor Ihrer Tür. Pflegegrad 2. Vielleicht 3. Fremde Menschen helfen Ihnen beim Anziehen. Das Haus, in dem Sie 30 Jahre gelebt haben, ist plötzlich „nicht mehr geeignet." Ihre Selbstständigkeit – das, worauf Sie ein Leben lang stolz waren – ist weg.
Das ist kein Worst-Case-Szenario. Das ist der Normalfall bei einem unbehandelten Meniskusschaden.
Und es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich es sehe. Denn es wäre vermeidbar gewesen.